how to kill a spider

von May E-Mail

Dear Milly
da du ja das wichtigste schon weißt, nämlich dass ich den Kampf überlebt habe und dir nicht aus dem Jenseits schreibe, ist es jetzt vielleicht nicht ganz so spannend, aber ich werde trotzdem alle, jawohl ALLE Einzelheiten berichten.
Ich schlief gestern wie immer viel zu spät ein. Trotzdem wachte ich heute morgen auf 5 Minuten BEVOR mein Wecker klingelte. Das lag an dem schrecklichen Alptraum, den ich hatte, den ich irgendwann mal einzeln posten werde.Jedenfalls endete er in einer Katastrophe und ich wachte auf.
Ich war sofort hellwach. Die Angst aus dem Traum war noch nicht ganz abgeklungen. Ich blieb noch etwas liegen und überlegte, was ich hätte anders machen können. Dann klingelte mein Wecker. Ich war sehr erfreut, halb hatte ich befürchtet, den Wecker nicht gehört zu haben, ich war so wach. Viel zu wach für diese Uhrzeit. Und jetzt kommt das Wunder: Normalerweise greife ich blind zu Sharky, schalte ihn ein und hör Musik. Heute setzte ich erst die Brille auf. Ortrud meinte später, dass es einen 7. Sinn für Spinnen gibt. Davon bin ich überzeugt!!! Ich griff nach Sharky und hielt inne.

Stufe 1: QUESTIONING: Was war es, dass da hinter dem Ladekabel kauerte? Ich befürchte immer überall Spinnen also weigerte ich mich auch nur daran zu denken. Ich machte Licht an und sah so genau wie möglich hin. Diese Phase des "Hinsehens" dauerte etwa 4 Minuten. Leider kam ich zu keinem beruhigenden Ergebnis. Mit 99%iger Wahrscheinlichkeit hatte ich es mit einer nicht allzukleinen Spinne zu tun!

Stufe 2: REALISATION: Ich saß geschockt da und starrte das ETWAS hinter Sharky an. Nur ein Gedanke jagte durch meinen Kopf, wieder und wieder, wie ein 2-Sekunden-Song, der auf repeat läuft: DAS DARF NICHT SEIN! Meine nackten Füße auf den Boden zu stellen und sich vorzubeugen kam nicht in Frage. Einer plötzlichen Eingebung folgend kroch ich ans Fußende meines Bettes, kletterte über den Rand, schlich ans andere Ende des Zimmers und zog meine Ballerinas an. Dann ging ich zurück und setzte mich auf die Bettkante. In diesem Moment erübrigten sich alle weiteren Fragen. ES bewegte ein Bein. Mit 100%iger Gewissheit WAR dies eine Spinne und sie war auch nicht tot sondern quicklebendig und wachte offensichtlich soeben auf.

Stufe 3: PARALYSIS: Die nächsten zwei Minuten verliefen ohne weitere Ereignisse. Ich war gelähmt, konnte mich nicht rühren und starrte die Spinne an. Sie muss meine Blicke gespürt haben, vielleicht starrte sie sogar zurück, ich weiß es nicht. Ich weiß nur, jede verdammte Sekunde fühlte sich an wie ein ganzer Tag.

Stufe 4: DISTRESS CALL: Irgendwann wurde mir klar, dass der Zustand in dem wir uns befanden nicht ewig andauern konnte. Die Spinne würde sich bewegen, entweder auf mich zu oder von mir weg, in irgendeinen dunklen Winkel, in dem man sie nicht mehr würde aufspüren können. Im ersten Fall wäre ich verloren, vermutlich würde einfach mein Herz aussetzen (tatsächlich mied ich den Gedanken an die genauen Folgen, die Vorstellung dieses Wesen auf mich zu krabbeln zu sehen war zu grauenvoll), im zweiten Fall wäre der Keller für mich gestorben, unterwandert von der einzigen Spezies, der ich nichts entgegenzusetzen habe. Es musste etwas geschehen. Hilfe musste her. Es war etwa 11 Uhr morgens, Philipp war vermutlich segeln. JJ und Sternchen, meine beiden Haupt-Ansprechspartner wenn es um Rettungsaktionen dieser Art geht (was bei JJ eigentlich eher mit leichten Anwandlungen von Sadismus zu tun hat, er hat genausoviel Angst vor Spinnen wie ich, aber sein Ehrgefühl verbietet es ihm, einer Dame in Not nicht beizustehen), saßen gerade irgendwo in Italien verhungenrd in einer kleinen Hütte - so zumindest mein letzter Stand der Dinge, vielleicht haben sie inzwischen gelernt sich von Beeren und Pilzen zu ernähren. Jedenfalls waren sie nicht da um mir in meiner schlimmsten Stunde beistehen zu können. Aber Steffi, Steffi sollte eigentlich in ihrem Zimmer sein. Steffi, die dem drohenden Knäul aus haarigen Beinen zu Leibe rücken würde, wäre sie nur schnell genug hier. Da ich ihre Nummer nicht hatte rief ich Hannes an. Mit einer Stimme, die nicht meine eigene zu sein schien erklärte ich hastig die Lage. Zweimal musste ich nachfragen, bis mein angstbetäubtes Gehirn bereit war, Hannes Antwort zu akzeptieren. Niemand. War. Da. Hannes erklärte wohl noch, wieso keiner zu Hause war, aber ich hörte ihn kaum. Ich weiß nicht, ob ich noch etwas sagte bevor ich auflegte, ich war mit anderen Dingen beschäftigt, um genau zu sein mit einem: Ich war auf mich allein gestellt!

Stufe 5: PANIC: Nur ich und die Spinne. Ich wünschte ich könnte sagen, ich hätte an Sams Kampf gegen die Riesenspinne von Cirith Ungol gedacht, an Indiana Jones der schulterzuckend die Vogelspinnen vom Rücken seines zitternden Begleiters pflückt, aber die Wahrheit ist ich dachte überhaupt nicht. Ich drohte, einfach aufzugeben. Aus dem Zimmer zu stürmen und den Keller aufzugeben. Das hätte ich auch sicher getan, hätte ich mich nicht an den letzten Stohhalm geklammert, der mir noch blieb.

Stufe 6: HYSTERIA: Ich verfiel der Hysterie. Die Situation war aussichtslos, Hilfe war nicht unterwegs, alles war verloren. Der Zustand der Hysterie hat gegenüber schlichter Panik einen Vorteil: Man will ihn mitteilen. Also griff ich zum Handy und rief die erste Person an, die mir einfiel. Anna hatte mir am selben Morgen eine SMS geschrieben um nach meiner E-mailadresse zu fragen, ich hatte noch nicht geantwortet, aber so kam ich wohl auf sie.

Stufe 7: HYSTERIA/ENCOURAGEMENT: Anna klang verschlafen, war aber durchaus in der Lage mein Gestammel zu verstehen. Allerdings brauchte sie etwas um zu verstehen, wieso ich weder in der Lage dazu war, einen Staubsauger zu holen (die Spinne aus den Augen lassen? Niemals!), ein Glas über die Spinne zu stülpen (dann bewegt sie sich zu hektisch, das ertrage ich nicht) oder sie einfach zu erschlagen (Sharky gibt ihr Deckung und wenns nicht sofort klappt bewegt sie sich und alles ist aus). Wir kamen zu dem Schluss, dass ich die Spinne würde töten müssen. Und ich würde es allein tun müssen. Ich legte auf, mit dem Versprechen, nachher Bericht zu erstatten. Auch wenn Anna mir augenscheinlich wenig hatte helfen können ging es mir besser. Jemand wusste von meiner Lage, ich hatte immerhin den verhassten Satz "Sie hat mehr Angst vor dir als du vor ihr." zu hören bekommen und zog dies auch einen Moment in Betracht, nur um zu realisieren, dass in dem Ganglienknoten, oder was immer Spinnen anstelle eines Gehirns haben, niemals genug Platz für einen Bruchteil meiner Angst wäre. Ich holte tief Luft und stellte beide Füße auf den Boden. Die Spinne zuckte wieder. Alle guten Vorsätze vergessend klappte ich das Handy wieder auf um noch mehr Menschen mit panischen Anrufen zu nerven. Wolfram ging nicht an sein Handy, ich wollte gerade seine Festnetznummer wählen um doch zumindest eine Nachricht auf dem AB zu hinterlassen, als es geschah. Sie war wach! Hellwach! Und mit eben jener Geschwindigkeit, die man kleinen Krabbelviehchern nie zutraut bis sie sich bewegen, raste sie auf mich zu.

Stufe 8: ACTION: Ich frage mich immer, ob die uglaubliche Geschwindigkeit, mit der Spinnen sich bewegen können, an der Menge ihrer Beine liegt. Oder an der Länge. Vermutlich ist es beides, plus ein unglaubliches Koordinationsvermögen. Ich wüsste schon bei vier Beinen nicht, wann ich welches bewegen soll. Drüber nachzudenken wäre wohl der erste Fehler. Traurig, dass Spinnen das nicht tun, dann wären sie langsamer und würden vielleicht sogar gelegentlich mal stolpern. Leider tun sie das nicht. Und so kam dieses besonders große, braune und haarige Exemplar nun auf mich zugeschossen. Ich hatte keine Zeit zu denken. Ich trat einfach drauf. Einfach so. Eine halbe Stunde Panik, nur um die Ursache der Selben dann einfach zu zertreten. Ich ließ meinen Fuß etwa 20 Sekunden auf dem Fleck stehen, an dem gerade noch mein schlimmster Alptraum gewesen war. Ich konnte nicht glauben, dass es vorbei sein sollte. Ich musste sie verfehlt haben, sie musste noch da sein. Das Piepsen von Wolframs AB riss mich zurück in die Wirklichkeit. Ich schrie irgendetwas, was weiß ich nicht, aber er muss sich gewundert haben, als er die Nachricht später abgehört hat.

Stufe 9: RELIEF: Es war vorbei. Mein Herz klopfte so schnell, Trent Reznor hätte es in einen Remix von Down In It eibauen können. Ich legte auf und wagte es schließlich, meinen Fuß leicht anzuheben. Kein langes dürres Bein kam darunter zum Vorschein, keine wütende angriffslustige Spinne kam mit klickenden Zangen herausgesprungen. ich hob den Fuß ganz. Der dunkle Fleck auf dem Teppich verriet alles, was ich wissen musste. Ich sprang auf, rannte aus dem Zimmer, die Treppe hoch und in den Garten. Nach 2 Stunden, der Lieferung meiner langersehnten Amazon-Bestellung und ich weiß nicht wie vielen Zigaretten fühlte ich mich in der Lage, wieder nach Unten zu gehen und den Teppich sauber zu machen.

Ja, das ist die Geschichte von mir und der Spinne.
Eine ist vernichtet, doch Trilliarden sind noch dort draußen. Sie werden weiter versuchen meinen Keller zu übernehmen. Doch ich werde auf der Hut sein. ICH BIN VORBEREITET, KOMME WAS WOLLE!!!!

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